, Basler Zeitung, Christian Fink

«Unsere Gemeinde braucht das»

Seit bald 18 Jahren bietet die Veranstaltungsreihe SissachLive in der Oberen Fabrik ein bemerkenswertes Kulturprogramm: klassische und rockige Konzerte, Theateraufführungen, Tanzanlässe, Comedy, Diskussionsveranstaltungen, die Talkreihe Nachtcafé und anderes mehr.

Keine Frage: Die Anlässe sind eine Bereicherung für die Oberbaselbieter Gemeinde, die weit über Sissach ausstrahlen. Vor rund einem Jahr wurde jedoch bekannt, dass Veranstalter Martin Zihlmann und sein Team die Kulturreihe nicht mehr fortführen möchten. Als Besitzer der Oberen Fabrik hat Zihlmann mit deren Vermietung und Bewirtschaftung genug zu tun; die Veranstaltungsreihe obendrauf ist zu viel geworden. Entweder, so sagte er sich, gibt es eine Nachfolgelösung, oder SissachLive ist Vergangenheit.

Es war ein geschickter Schachzug, dass Zihlmann Anita Crain und Werner Biedert mit der Frage anpeilte, ob sie nicht Lust dazu hätten, inskünftig die Reihe zu organisieren. Crain, ehemals Mitglied der Volksschulleitung des Kantons Basel-Stadt und zuletzt bei Permatrend, dem Unternehmen ihres Mannes, tätig, sagte, wie auch ihr Ehemann, zu. Die Firma verkauften sie vor zwei Jahren, sodass jetzt überhaupt der Raum für ein solches Engagement besteht. Zusammen mit Gleichgesinnten gründeten sie vergangenen Juni einen Verein, der, mit einem sechsköpfigen, ehrenamtlich arbeitenden Vorstand bestückt, die Reihe seit Beginn dieses Jahres fortsetzt. Zum Vorstand gehören nebst dem Sissacher Ehepaar Sonja Gerber Wenger, Andrea Saladin, Hanspeter Eichelberger und Susanne Härri. Gemeinsam teilensie sich die anfallenden Aufgaben. Dies mit zahlreichen Helfern wie die fast vierzig Aktivmitglieder sowie etwa gleich viele Gönner. Die sechs Vorstandsmitglieder verantworten die Kulturreihe strategisch und konzeptionell. Crain wurde zur Präsidentin gewählt. Geplant sind «dreissig oder mehr Anlässe jährlich», so Biedert. Dabei profitiert der Verein vom guten Ruf von Sissach Live: «Wir haben sehr viele Anfragen», ergänzt Crain, «und könnten ein Programm erstellen, ohne dass wir auf die Künstler zugehen.»

Unsichere Finanzierung
Auch wenn das Interesse der Künstler am Schaufenster SissachLive beachtlich ist und ihrerseits oftmals eine kleine Gagein Kauf genommen wird, so istdie Finanzierung der Kulturreihe damit lange nicht gesichert. Die administrative Führung miteiner 33-Prozent-Anstellung ist unabdingbar. Hierfür und für weitere betriebliche Auslagen reichen die Einnahmen und die finanzielle Unterstützung durch die Gönnermitglieder nicht aus. Um den Kulturbetrieb langfristig auf eine finanziell vernünftige Basis zu stellen, bedarf es weiterer Geldquellen.

Als Zentrumsgemeinde des Oberbaselbiets zählen die Veranstalter auf ein treues Publikum, das je nach Anlass auch von weiter her anreist. Für die einzelnen Anlässe werden entweder Billette verkauft oder Geld mittels Kollekte eingenommen. Der durchschnittliche Ertrag liegt allerdings bei lediglich zehn Franken pro Person. Unterstützung erhofft sich der Verein von Swisslos, die bisher jährlich 15 000 Franken beisteuerte. Für einzelne, teurere Veranstaltungen vor allem im Musikbereich sucht der Verein Patronatssponsoren. Für eine solidere finanzielleBasis braucht es jedoch politischeUnterstützung. Die Gemeindeverantwortlichen müssen sich überlegen, was ihnen der Kulturbetrieb in der Oberen Fabrik und die damit verbundene Steigerung der Lebensqualität wert sind. Die Gemeindeist derzeit dabei, ein Kulturleitbild auszuarbeiten, und «sie haben uns in Aussicht gestellt, dass wir wieder ein Gesuch stellen dürfen, das dann wohlwollend geprüft wird», so Crain. Gut so. Bis anhin sind Sport und Kultur in einem Budgetposten zusammengefasst. Da fliessen zwar viele Gelder, die allermeisten jedoch in den Bereich Sport. Derzeit ist es so, «dass der Verein mit einem Budget von 90 000 Franken arbeitet. 40 000 Franken davon sind Verlust», so Biedert. Trotzdem sei das Budget nicht tiefrot. «Wir hatten Anfang Jahr die Mitgliederbeiträge, aber auch die Initialkosten.

Jetzt suchen wir Geld, damit wir rückwirkend diese Initialkosten bezahlen können.» Der Verein trifft auf viel Wohlwollen, wird unterstützt von Mietern der Oberen Fabrik, «und Martin Zihlman stellt uns», so Crain, «den Veranstaltungsraum und einen Büroarbeitsplatz kostenlos zur Verfügung». Trotz finanzieller Unsicherheiten zeigt sich der Vorstand zuversichtlich, ist mit Elan und Freude dabei. Damit verbunden ist, so Biedert, sicherlich auch ein gewisser Ehrgeiz. Und: Die überaus positiven Rückmeldungen «geben ein extrem gutes Gefühl». Zuvorderst steht jedoch die Überzeugung, dass das kulturelle Angebot in der Oberen Fabrik eine Notwendigkeit ist. Crain: «Unsere Gemeinde braucht das, um lebendig zu bleiben.»