, bz Basel, Lucas Huber

«Wenn das nicht rockt!»

In Sissach können jetzt Hauskonzerte gemietet werden. Das könnte einen Musiksommer begründen, wie es ihn noch nie gegeben hat.

Vielleicht muss man, was gerade in Sissach geschieht, als eine Rückkehr zu den Wurzeln der Musik verstehen. Denn wo liegen diese sonst, wenn nicht im heimelig Privaten, in der Familie? Man sitzt beisammen, vielleicht am Lagerfeuer, jemand stimmt ein Lied an, aus einem Summen wird Gesang, aus Worten eine Melodie, ein Instrument stimmt ein, vielleicht eine Gitarre, schliesslich ein getrommelter Rhythmus; Musik entsteht. Mit der Pandemie verwaisten die Konzertbühnen der Welt. Auch jene der Oberen Fabrik in Sissach. Ein ums andere Mal wurden hier Konzerte verschoben, manche gleich mehrfach. Von den geplanten 37 Anlässen im vergangenen Jahr fanden nur 17 statt, und seit sieben Monaten ist es nun ganz und gar still. Und weil die Unwägbarkeiten des nahenden Sommers gross sind, bleibt es das auch bis Ende August.

Über ein Dutzend Acts im Veranstaltungs-Pool
Nicht stumm dagegen bleibt der Verein, der die Location seit Anfang 2020 bespielt: SissachLive. Der lässt seine Tätigkeit als Veranstalter aus bekannten Gründen vorübergehend ruhen, um sich kurzerhand in einen Vermittler zu verwanden. Und zwar in einen Vermittler von Hauskonzerten. SissachLive@Home nennt sich das Konzept, das kleine, private Gesellschaften und Musizierende zusammenbringt. Für ein Ständchen zum Geburtstag im kleinen Rahmen; für ein romantisches Privatkonzert zu zweit; für den samstäglichen Grillabend mit den Nachbarn. Im Wohnzimmer, auf der Terrasse, im Garten. «Wir stellten schon Ende 2020 Überlegungen in Richtung digitaler Konzerte an», erzählt Vereinspräsidentin Anita Crain: «Doch irgendwie war das alles nicht befriedigend.» So entstand zuerst das «Guckloch», eine Reihe mit aufgezeichneten Clips, die den Künstlerinnen, Musikern und Bands wenigstens eine digitale Plattform bot. «Doch uns war bald klar, dass unser Angebot live sein müsste», erklärt Programmleiterin Andrea Saladin.

So entstand die Idee mit den Hauskonzerten. Auf diese angesprochen, waren die Künstlerinnen und Künstler Feuer und Flamme, und zwar sofort: «Die meisten sagten vom Fleck weg zu», sagt Saladin. Im Handumdrehen entstand so ein Pool von über einem Dutzend Acts, die nun via SissachLive buchbar sind. Mit im Boot sind etwa Singer/ Songwriterin Anna Mae, die Irish-Folk-Band Scéalta, das A-cappella-Ensemble Cantuccini der Saxofonist Reto Schäublin oder die Singer/Songwriterin Inez. Selektiert wird dabei übrigens nicht, «aber einen gewissen Qualitätsanspruch haben wir schon», sind sich die beiden Damen einig.

«Unsere Kernkompetenz ist es, Menschen zusammenbringen; mit SissachLive@Home können wir das nun wieder anbieten», schwärmt Crain, und Saladin ergänzt: «Intimer können Konzerte nicht sein. Wenn das nicht rockt!» Dafür spricht auch der Preis: Ein Act kostet privat eine Pauschale von lediglich 200 Franken. Der Verein stockt die Gage um denselben Betrag auf – mit Geld, das er aufgrund der abgesagten Anlässe ohnehin nicht ausgeben konnte. «Das ist ein absolutes Schnäppchen», kommentiert die Vereinspräsidentin augenzwinkernd.

Der Verein arbeitet die Verträge aus
Davon – und dem empfohlenen Kollektentopf – kann eine Band natürlich nicht leben. Aber immerhin kann sie auftreten, pandemiekonform und ohne Organisationsaufwand. Den leistet vorab nämlich der Verein. Er formuliert die Bedingungen für Gastgeberinnen und Künstler und setzt die Verträge auf. Ob die Musikerin dann für ein Pärchen zum Hochzeitstag bei Kerzenschein spielt, oder ob der Musiker vor Publikum den Garten rockt, machen die Parteien untereinander aus. Die Premiere mit Gitarrist Zarek Silberschmidt Anfang Mai in einem Sissacher Garten war ein voller Erfolg.

Wenn die Pandemie dann eines Tages vielleicht doch vorüber ist und sich Menschen wieder uneingeschränkt zu Kulturellem treffen dürfen, wird sich auch der Verein zurücktransformieren und wieder vom Vermittler zum Veranstalter werden. Ende August soll es soweit sein, das Programm steht. Mit Musik, mit Tanz, mit Theater – und der Gesprächsreihe «Nachtcafé», für die man in Sissach etwa «Mister Corona» Daniel Koch (23. September) oder Bundesrätin Viola Amherd (25. November) erwartet.