, ObZ, Sander Van Riemsdijk

Kultur belebt dein Zuhause

Der Kulturverein „SissachLive“ startet ein eigenwilliges Projekt

Vieles hatte sich der Verein „SissachLive“ in seinem Gründungsjahr 2019 vorgenommen. Sehr vieles sogar. Euphorisch und mit viel Engagement kaum aus den Startlöchern, zwang die Coronapandemie bereits Monate später den Verein, seine künstlerischen Aktivitäten in der Oberen Fabrik in Sissach zu verschieben oder sogar einzustellen. Mit dem Ziel, das kulturelle Leben in der Region zu fördern, sah sich der Verein plötzlich mit einer fehlenden Programm-Planbarkeit konfrontiert. Trotz den pandemischen Widrigkeiten konnten unter den behördlich verordneten Schutzbestimmungen einige musisch-kulturelle Anlässe durchgeführt werden (Die Oberbaselbieterzeitung berichtete). Bis Ende August 2021 sind nun jedoch mit zwei Ausnahmen – die „Klanglichter“, eine Reihe klassischer Konzerte von Paola De Piante Vicins am vorletzten Samstag, und „Brahms, ein Konzert“ am 6. Juni – alle Veranstaltungen storniert. Dies, weil die bundesrätlichen Auflagen eine zu hohe Hürde für die Durchführung der nicht weniger als 37 geplanten jahrgangsübergreifenden – die Saison dauert von September bis Mai - Kulturevents bedeuten. Ein herber Rückschlag für das Leitungsteam, wie Programm-Verantwortliche Andrea Saladin sagt. „Wir haben uns mit den zwei abgebrochenen Anläufen noch nicht einmal etablieren können.“

Innovation war gefordert
Um die Kulturszene nicht Lockdown-like einschlafen zu lassen und zudem nicht schicksalsergeben auf die Zeit nach der Pandemie zu warten, war bei den Verantwortlichen des Kulturvereins Innovation gefordert. „Wir wollten es schlicht nicht wahrhaben, dass das ganze Frühlingsprogramm bachab geschickt wird,“ führt Andrea Saladin aus. „Wir fingen sofort an auszuloten, welche kulturellen Möglichkeiten es noch gebe.“ Mit dem Projekt „Guckloch“ bot der Verein zuerst die Möglichkeit, in Form von kleinen Videobeiträgen, Einblicke in die kulturellen Werke von regionalen Kulturschaffenden zu erhalten. Um die Kräfte wieder auf die Ermöglichung von kulturellen Direktbegegnungen richten zu können, wurde danach das Projekt SissachLive@home aus der musischen Taufe gehoben. Dies unter dem Motto „Wenn schon das Publikum nicht zu den Kulturschaffenden kommen kann, sollten diese doch umgekehrt zum Publikum gehen.“ In einem Pool von regionalen Künstlerinnen und Künstlern vermittelt dieser, statt im grossen Saal der Oberen Fabrik, im Sinne eines klassischen Hauskonzerts Auftritte zuhause bei Privatpersonen. In der Wohnstube, im Garten oder in der Garagenauffahrt. „Wichtig dabei ist, dass der Verein nur die Vermittlerrolle einnimmt“, sagt Andrea Saladin, „verantwortlich für die Durchführung ist der Gastgeber, auch was die viralen Schutzmassnahmen betrifft.“

Ein willkommener finanzieller Zustupf
Um diese Idee bei den Interessierten schmackhaft zu machen, bietet der Verein als Vermittler auf seiner Website Unterstützung an und gibt mit den ersten zehn Auftritten je 200 Franken an das Honorar für die Kulturschaffenden. Erwartet wird, dass der Gastgeber das gleiche Honorar bezahlt, sowie die Gäste mit einem freiwilligen Obolus den Auftritt finanziell unterstützen. Man hofft so, dass ein einziger Auftritt zwischen 400 und 600 Franken für die Kunstschaffenden abwirft. In pandemischen Zeiten mit fehlenden Einnahmen ein willkommener Zustupf. Der Verein verzichtet dabei auf Einnahmen. „Wir als Verein haben uns mit dem Projekt zum Ziel gesetzt, kulturelle Begegnungen wieder live, sicher und fair zu ermöglichen und die Förderung von regionalen Kulturschaffenden weiterzuführen“, teilt Andrea Saladin mit. Und offensichtlich mit Erfolg, denn unterdessen haben sich 12 Formationen für das Projekt angemeldet. Müssen da jetzt zwei Formationen in das kulturelle Gras beissen? „Nein“, sagt Andrea Saladin, „wir ziehen ernsthaft in Erwägung das Projekt mit noch mal 10 Mal 200 Franken zu unterstützen.“ Aber dann sollte wirklich Schluss sein, sagt sie „Es fehlt im Verein an personellen Ressourcen, das Projekt in dieser Form weiterzuführen.“ Dabei ist das Risiko klein, dass der Verein sich längerfristig mit der Wiederaufnahme des klassischen Hauskonzerts zum Opfer vom eigenen Erfolg macht und sich selber „kannibalisiert“, wie sie formuliert. Sprich, sich selber aus der Oberen Fabrik katapultiert.

Nicht nur Konzertbühne sein
Wenn Andrea Saladin in die kulturelle Kristallkugel schaut, sieht sie für die Zukunft ihres Vereins spartenübergreifend, mit einer Mischung von lokalen und überregionalen Künstlern, Angebote im Rahmen von Theateraufführungen, Lesungen, Variétés , Spielabenden und themenorientierten Diskussionen. „Wir möchten nicht nur Konzertbühne sein“ und unterstreicht damit den Wunsch, den Verein um künstlerische Vielfältigkeit zu bereichern. In der Annahme, dass die pandemische Lage sich dann beruhigt hat, ist als Start für die nächste Kultursaison die Zweitauflage des „Kulturkarussells“ am 28. August 2021 in der Begegnungszone geplant.