, Volksstimme, Jürg Gohl

Hauskonzerte gegen Corona-Blues

Da die gewohnten Kulturauftritte trotz der jüngsten Lockerungen nicht erlaubt sind, will der arbeitslose Verein «SissachLive» in einer neuen Rolle als Kulturvermittler auftreten. Er verhilft Künstlerinnen und Künstlern zu coronakonformen Privatauftritten in Gärten und Wohnstuben.

Da die gewohnten Kulturauftritte trotz der jüngsten Lockerungen nicht erlaubt sind, will der arbeitslose Verein «SissachLive» in einer neuen Rolle als Kulturvermittler auftreten. Er verhilft Künstlerinnen und Künstlern zu coronakonformen Privatauftritten in Gärten und Wohnstuben.

«Kultur kann in Sissach und Umgebung wieder live und unkompliziert stattfinden!» Was der Verein «SissachLive» auf seiner Website ankündigt, tönt so verlockend wie erlösend. Und es widerspricht zugleich der Feststellung von Anita Crain, der Vereinspräsidentin. Eben hat sie in der «Volksstimme» noch gesagt, dass der Verein trotz der bundesrätlichen Lockerungsübungen davon absieht, in der Oberen Fabrik Anlässe zu planen. Zu hoch seien die Auflagen, sodass es nicht nur für das Publikum, sondern auch für die Künstler eher zu einer Zwangsübung kommen müsse.

Die Veranstaltungen sind bis Ende August gestrichen – mit zwei Ausnahmen: Die «Klanglichter», Paola De Piante Vicins Reihe klassischer Konzerte, werden am kommenden Samstag unter dem Titel «Belcanto» mit verschiedenen Komponisten und danach, am 6. Juni, mit Brahms und unter den geltenden Auflagen über die Bühne der Oberen Fabrik gehen. Durchgeführt wird auch die Zweitauflage des «Kulturkarussells», mit dem der Verein am 28. August in der Begegnungszone unter freiem Himmel Werbung in eigener Sache betreibt und damit die neue Indoor-Saison einleitet. Zu schwierig und zu energiezehrend sei die aktuelle Situation für alle Beteiligen, stellt Anita Crain fest, und meint damit Kunstschaffende, Veranstalter und Publikum.

«Wir planen, sagen ab, verschieben, sagen erneut ab, versuchen Konzepte anzupassen, und trotzdem können wir keine Veranstaltungen durchführen», sagt die Präsidentin. So tönt Frust bei einem Verein, der offiziell ab 2020 mit viel Engagement die Sissacher Kulturszene beleben wollte, von Corona aber sogleich ausgebremst wurde.

Nun haben die Verantwortlichen einen Weg eingeschlagen, um Kulturschaffende mit ihren Leistungen direkt mit einem interessierten Publikum zusammenzubringen: Der Verein verfügt über einen Pool von Künstlerinnen und Künstlern, die er direkt an Privatpersonen vermittelt. Anstelle der Oberen Fabrik dient ein privater Garten, ein Wohnzimmer oder eine Garageneinfahrt als Bühne. Dort können die Kunstschaffenden privat vor einem «kleinen, aber feinen» Publikum auftreten, wie es Andrea Saladin, die Programmverantwortliche bei «SissachLive», formuliert. «SissachLive@home» nennt sich die Aktion.

Gastgeber gesucht
Die privaten Gastgeber sind dafür verantwortlich, dass die Corona-Spielregeln eingehalten werden, der Verein appelliert an die Eigenverantwortung und beschränkt sich auf die Rolle des Vermittlers. Ihm gehe es darum, dass sich der regionale Kulturbetrieb «mit Bedacht aus der winterlichen Lockdown-Starre» lösen kann. «Die Reaktionen aus Kreisen der Künstler auf unsere Aktion sind bisher durchwegs positiv ausgefallen», sagt Saladin, «Kultur kann auf diese Weise wieder näher zu den Menschen rücken.»

Der Verein beschränkt sich nicht nur auf die Rolle des Kupplers, sondern er befeuert das Projekt auch mit einem Beitrag von 2000 Franken. Genauer: Die zehn ersten Auftritte, die zustande kommen, werden mit je 200 Franken unterstützt, sodass mit einem zusätzlichen Beitrag des Gastgebers und des Mini-Publikums 400 bis 600 Franken für den Künstler zusammenkommen. Weitere Künstler und Gastgeber sind willkommen.

Neun Solisten oder Formationen können bisher gebucht werden. Sie stammen alle aus dem Musikbereich. Die Programmverantwortliche des Vereins betont aber, dass durchaus auch an anderen Sparten wie Comedy oder Theater Interesse bestehe.

Einer dieser Musiker ist Samuel Hagmann. Der in Itingen aufgewachsene und heute in Bennwil lebende Blasmusiker hätte im April bei «SissachLive» auftreten sollen – mit integrierter CD-Taufe. Nun ist der Anlass auf den 24. Oktober verschoben worden.

Nähe als Vorteil
Hagmann steht hinter dem damaligen Absage-Entscheid, weil Auftritte unter Corona-Bedingungen schlicht keinen Spass machen würden – weder ihm noch dem Publikum, wie er anmerkt. Selbstverständlich gebe es die «kulturell Ausgehungerten». Doch die Mehrheit vertrete die Auffassung «entweder richtig oder nichts». Zu einem seiner Auftritte, den er im vergangenen Herbst in Itingen hatte, erschienen 15 Personen. «Am Schluss», so sein Fazit, «waren alle enttäuscht, das Publikum, ich selber und vor allem die engagierten Veranstalter.»

Dass widerspreche keinesfalls seinem Mitwirken bei «Sissach-Live@home». Er bestritt lange vor Corona bereits einmal ein Gartenkonzert und genoss dabei den engen Kontakt. Für ihn sei die Nähe zum Publikum mindestens so wichtig wie die Zahl der Gäste. So ist es für ihn und auch für Andrea Saladin denkbar, dass diese Form des Konzertierens, die Wiederaufnahme des klassischen Hauskonzerts, eine Alternative zum zurückgekehrten Normalbetrieb liefert. «Ja», sagt Saladin, «wir müssen mit unserer Aktion aufpassen, dass wir uns am Ende nicht noch selber das Wasser abgraben.»