, Volksstimme, Robert Bösiger

«Corona hat mich eher angetrieben»

Mundartschriftsteller Pedro Lenz war Talkgast in der Oberen Fabrik. Nach Schauspieler Mike Müller 2009 und Schriftsteller Alex Capus 2011 hat mit dem Schriftsteller Pedro Lenz am vergangenen Donnerstag ein dritter prominenter Kulturschaffender aus Olten im Nachtcafé der «Volksstimme» und von «Sissach Live» Station gemacht.

Maximal 100 Leute. Die Covid-19 geschuldete Obergrenze beim Eintritt in die Obere Fabrik hat sich am vergangenen Donnerstag als gerade richtig erwiesen. Die Leute strömten herbei, weil sich der aus Olten angereiste Mundartschriftsteller Pedro Lenz (55) zu «Sissach Live»-Präsidentin Anita Crain auf die Nachtcafé-Bank setzte und ihr Rede und Antwort stand.

Für Crain wurde der Talk zu einer – gut gelungenen – Premiere; noch nie hatte in der über zwanzigjährigen Geschichte der Talkreihe Nachtcafé bisher eine Frau moderiert. In einem neuen Kleid präsentierte sich zu diesem Event die Obere Fabrik selbst; das Team um Martin Zihlmann hatte den Raum in den vergangen Monaten der erzwungenen Pause einer Erneuerung unterzogen und die Licht- und Akustikverhältnisse optimiert.

Keine Pause für kreatives Schaffen
Pedro Lenz, der gebürtige Langenthaler, berichtete zunächst über die von Corona über den Haufen geworfene Alltagsroutine. Er sei mit seinem Bühnenpartner, dem Gitarristen Max Lässer (70), gerade auf Tournee mit dem Programm «Mittelland» gewesen, als das Virus zum abrupten Stopp und zum Umdenken führte. In kreativer Hinsicht sei der Lockdown kein Problem geworden. Nun habe er, der zweifache Vater von zwei kleinen Buben, halt etwas mehr von seiner jungen Familie gehabt. Zudem habe er die Zeit genutzt, um seinen jüngsten Roman «Primitivo» fertigzustellen. «Corona hat mich eher angetrieben als gebremst», sagte der 2-Meter-Mann.

Nein, ein Dialektfanatiker sei er nicht, wie ihm das oft unterstellt werde. Er schreibe halt am liebsten so, wie er den ganzen Tag rede – «das macht jeder Deutsche ja auch so». Lenz schreibt in seiner Muttersprache Berndeutsch, obwohl seine Mutter tatsächlich Spanierin gewesen sei. Doch das Berndeutsch sei halt zu «seiner» Muttersprache geworden. Er erinnerte daran, dass ja auch der legendäre Mani Matter trotz holländischer Mutter die berndeutsche Mundart pflegte.

Ab sofort Schriftsteller
Mit seinen Mundarttexten schliesse er doch automatisch viele Leserinnen und Leser aus, forderte ihn die Moderatorin heraus. Pedro Lenz musste ihr recht geben: «Ich muss halt akzeptieren, dass ich nicht von allen gelesen und verstanden werde.» Er schreibe relativ strukturiert und oft zu fixen Zeiten. «Dennoch muss man bereit sein, den Kuss der Muse zu empfangen, wenn ein solcher vorbeifliegt.»

Zum Lesen und Schreiben kommt Pedro Lenz erst spät. Aufgewachsen in einem wohlbehüteten und gutbürgerlichen Elternhaus (sein Vater war Direktor der örtlichen Porzellanfabrik) lernt er die Freuden des Lesens erst dank der Jerry-Cotton-Kriminalromane kennen. Zu dieser Zeit realisiert er auch, dass er «belesen» deutlich bessere Chancen hat beim anderen Geschlecht. Die Schule bricht er ab, erlernt den Maurerberuf, holt 1995 auf dem zweiten Bildungsweg die Matura nach und studiert einige Semester spanische Literatur. Nun beschliesst er, ab sofort Schriftsteller zu sein, bricht die Uni ab und beginnt zu schreiben.

Stolzer Familienvater
Innert kürzester Zeit gelingt es ihm, sich einen Namen als Mundartschreiber zu machen. Heute schreibt er Gedichte, Kurzgeschichten, Romane, Kolumnen für verschiedene Printmedien und Texte fürs Radio. Mit dem Roman «Der Goalie bin ig» gelingt Pedro Lenz 2010 ein Bestseller, der 2014 zum Spielfilm wird und mit dem Schweizer Filmpreis geadelt wird. Die Handlung spielt Ende der 1980er-Jahre und zeigt, wie der Lebenskünstler Ernst, von allen nur «Goalie» genannt, nach einem Jahr Gefängnisaufenthalt neu anfangen will. Unnötig zu erwähnen, dass im Film Berndeutsch gesprochen wird.

Der bekennende YB-Fan erzählte im Nachtcafé frisch von der Leber weg und ging auf die Fragen von Anita Crain und des Publikums ein. Immer wieder kam er auf seine zwei Buben zu sprechen, mit denen er viel unternehme und selbstverständlich auch Fussball spiele. Lenz blieb bescheiden: «Ich kann besser über Fussball schreiben als selber spielen.» Und, wer weiss, vielleicht werde ja mal ein Filius ein «Tschütteler». Übrigens: Das entscheidende Spiel zwischen YB und dem FCB habe er zu Hause vor dem TV mit einem Kollegen und den Kindern geguckt – ganz ohne Frauen.

Im Anschluss an den Talk setzte sich der Mundartschriftsteller an einen Bistrotisch, signierte seine Werke und wechselte ein paar Worte mit Nachtcafé-Gästen.

Das nächste Nachtcafé findet am Donnerstag, 15. Oktober, statt. Talkgast ist Urs Blindenbacher, Theaterpädagoge und Organisator von Jazzkonzerten.