, ObZ, Marc Schaffner

Kulturelles Karussell als Saisonvorschau

Sissach – Der Verein SissachLive startet im Herbst wieder mit Veranstaltungen in der Oberen Fabrik

 

Der Kulturbetrieb in der Oberen Fabrik in Sissach nimmt ab September wieder Fahrt auf. Pedro Lenz, Simply Blues Gang, Uni-Talks, Schwyzerörgeli, Flamenco oder Klassik – das Programm ist extrem vielseitig. Einerseits weil eine Fokussierung auf nur eine Sparte nicht sinnvoll wäre, andererseits weil die Veranstalter/-innen ein möglichst breites Publikum ansprechen möchten: Jüngere, Ältere, Familien, Musikfans von Rock bis Klassik, Theater- und Literaturinteressierte, Diskussionsfreudige.

Eine neue Idee, um diese heterogene «Kundschaft» auf die Anlässe aufmerksam zu machen, ist das «Kulturkarussell», das am 5. September stattfinden wird. Ab 10.30 Uhr treten Künstlerinnen und Künstler in einem offenen Zelt in der Begegnungszone auf und geben in 20- bis 30-minütigen Sets einen Vor­geschmack auf die beginnende Saison.  Das «Karussell» soll Leben in die Begegnungszone bringen und die Vorbei­kommenden animieren, eine Zeit lang zu­zusteigen und zuzuschauen, bis sie wieder weitergehen. Gefällt ihnen ein Beitrag, dann haben sie im Verlauf der Saison die Gelegenheit, diesen in voller Länge in der Oberen Fabrik mitzuerleben.

Für junge, unbekanntere Künstler/-innen ist das «Karussell» eine Talentbühne, aber auch bekanntere Namen werden im Zelt vertreten sein. So auch die Band French Connection, deren Konzert im Frühling wegen der Pandemie abgesagt werden musste. Die meisten Beiträge kommen ohne elektronische Verstärkung aus und eine eigentliche Bühne wird nicht aufgebaut. Sollte der Anlass ein positives Echo finden, ist aber gut denkbar, dass sich daraus ein regelmässiger Event entwickelt, immer am ersten Samstag im September, mit entsprechender Event-Infrastruktur, wie man es aus anderen Gemeinden und Städten kennt.

30 Anlässe im Jahr
Seit Anfang 2020 ist neu der Verein SissachLive für das öffentliche Programm in der Oberen Fabrik zuständig. Mit dem Wechsel kamen einige neue Formate wie Diskussionsabende oder Angebote für Familien dazu, die Anzahl der Veranstaltungen bleibt insgesamt aber gleich, etwa 30 pro Jahr. Normalerweise finden die Anlässe am Freitag statt, in manchen Wochen kommt auch noch der Donnerstag oder der Samstag dazu.
«Das ist eine riesen Chance», ist sich Vereinspräsidentin Anita Crain bewusst. Der Freitag wäre nämlich ein Tag, der für eine private Vermietung lukrativ wäre. Aber dem Besitzer der Oberen Fabrik sei es wichtig gewesen, dass der Kulturbetrieb weiterexistiere, erklärt Anita Crain.

Vergangenes Jahr kündigte Liegenschaftsbesitzer Martin Zihlmann an, dass er sich auf die privaten Anlässe konzentrieren und das Kulturprogramm nach 17 Jahren an andere Hände übergeben möchte. Anita Crain und ihr Mann erklärten sich bereit dazu und fanden vier weitere, engagierte Vorstandsmitglieder, sodass der Verein SissachLive im Juni vor einem Jahr gegründet werden konnte. «So ein Angebot darf man nicht eingehen lassen», ist die Präsidentin überzeugt. Für Sissach und die ganze Region sei es ein grosses Plus, wenn Kulturinteressierte nicht nach Basel reisen müssten, um Veranstaltungen besuchen zu können.

Der Corona-Ausbruch bremste  den Schwung des Neustarts Mitte März abrupt aus. «Es war sehr bitter, denn wir standen sehr gut da mit den Zuschauerzahlen und den Rückmeldungen», bedauert Anita Crain. 
Doch SissachLive hatte Glück im Unglück. Die meisten Anlässe konnten auf die nächste Saison verschoben werden und aus den bestehenden Künstler­verträgen blieben keine finanziellen Folgen am Verein hängen. Der Einnahmenausfall von drei Monaten ist verkraftbar – vor allem weil der Verein in der Oberen Fabrik keine Miete zahlt. «Es ist schon ein tolles Setting, das wir mit Martin Zihlmann haben», betont Anita Crain. Auch die Technik und sogar die Reinigung sei inbegriffen. Auch das Büro der Kulturmanagerin inklusive Arbeitsplatz werde von der Oberen Fabrik zur Verfügung gestellt. Nur die Bar wird weiterhin vom Vermieter betrieben, was dem Verein aber nicht ungelegen kommt. «Es ist eine richtige, schöne Bar, nicht nur eine Getränkeausgabe», sagt Anita Crain. Der Verein wäre überfordert, wenn er ein eigenes Barteam stellen müsste.
Die Ausgaben beschränken sich somit auf die 30-Prozent-Stelle der Kulturmanagerin. Alle Vorstandsmitglieder, Helferinnen und Helfer arbeiten ehrenamtlich. Die Einnahmeseite bestreitet der Verein über die Eintrittspreise, einen Beitrag des Swisslos-Fonds und vermehrt auch über Sponsoren, die eine Gage oder einen Teil einer Gage übernehmen. Fürs nächste Jahr hat auch die Gemeinde Sissach erstmals einen Zustupf zugesichert. Trotzdem ist das Budget in den roten Zahlen, weshalb SissachLive weiterhin Mitglieder und Gönner/-innen sucht.


Ein Ort für reale Begegnungen
Um Künstlerinnen und Künstler, die in der Oberen Fabrik auftreten wollen, muss sich der Verein hingegen nicht sorgen. Das Lokal ist so bekannt und beliebt, dass die freien Daten jeweils schnell ausgebucht sind. Ausserdem ist das Programm wegen der Verschiebungen bis Mitte nächsten Jahres gefüllt.

Anita Crain freut sich schon jetzt auf den Neustart im September: «In der Corona-Zeit hat man gesehen, die virtuelle Welt ist das eine – aber die realen Begegnungen lassen sich nicht wettmachen.» 
Die Obere Fabrik sei ein Ort, wo Begegnungen stattfänden: Im Publikum treffe man fremde Personen, manche von weit her, manche aus dem eigenen Dorf, und manchmal entdecke man weitere Gemeinsamkeiten und verabrede sich dann, beispielsweise zum Lauftraining. Die Obere Fabrik biete Entspannung, etwa bei einem Konzert, aber auch Anregung, etwa an einem Gesprächsabend zu einem gesellschaftlichen Thema. «Das alles schafft Beziehungen, und das ist schliesslich, was eine Gesellschaft trägt und weiterbringt», fasst Anita Crain zusammen. Für sie bedeutet die Obere Fabrik deshalb ein Stück Lebensqualität.